Die unendliche Geschichte von Die literarische Zukunft Deutschlands

Freitag, 20. Juli 2007

1.Der DJ war gut, die Stimmung auch. Immer wenn man es nicht erwartet, hat man die besten Momente im Leben. Von der heutigen Nacht hatte ich nicht viel erwartet, hatte sogar noch die Badelatschen vom Strand an.
Es hat sich viel ereignet in den letzten 9 Monaten. So lange bin ich nun schon Single. Eine komische Zeit. So lange brauchen Mütter, um Neugeborene auf die welt zu bringen.
Ich hatte es geschafft, mich in den letzten 9 Monaten zwei Mal zu verlieben. Beide Male hat es nicht geklappt. Fühl mich überhaupt nicht wie neugeboren. Jetzt liege ich hier im Club in der Ecke und weiss nicht wie mir geschieht. Bin gar nicht betrunken, habe zu viel geknutscht, mit Frauen, die in mein Leben huschen, so schnell und unverbindlich wie der nächste Song vom DJ.
Die Dicke ist sehr betrunken. Warum habe ich mich auf sie eingelassen? Jetzt kneift sie mir blaue Flecken in meine Brust und nuschelt in mein Ohr, ich soll mit zu ihr nach Haus. Soll ich es tun?

2.Was mich mein Nachdenken noch immer an Anstrengung kostet. Doch es lohnt sich. Ich werde aufstehen und weggehen. Die Dicke wird mich nicht vermissen. Morgens um 4 Uhr ist es heute draußen wunderbar. Kaltklarer Sternenhimmel, Champagnerluft und Stille. Zu Fuß heim in mein Heim, eine Stadtwanderung vom Feinsten. Mein nüchternes, sehnsüchtiges Träumen zeigt mir hinter den noch dunklen Fassaden ruhende Leiber, begehrenswert und einsam wie der Meine.
Da überholt mich eine Fahrradfahrerin. Um diese Zeit ? Noch ehe ich die Frage weiterdenken kann geschieht das seltsame: sie die so graziös und dynamisch vorbeistrampelte ist plötzlich mit einer abspringenden Kette konfrontiert und bremst hart. Kommt zwanzig Meter vor mir zum stehen und zischt laut vor sich hin: „Verfluchter Mist“ – und hat nicht das hilflose Lächeln derjenigen, die nun nach Rettung schielt.
Obwohl ich gerne Retter bin und mit gleibleibend ruhigem Schritt herankomme und sage:

3.Hier auf Ibiza ist alles verrückt! Jeder knutscht mit jedem, viele verschwinden für zwanglosen Sex auf die Hotelzimmer - Und ich mitten drin. Heute Mittag im Café del Mar hatte ich breiets eine tolle junge Frau kennen gelernt, Veronique, blonde lange Haare, schlank, aber nicht knabenhaft. Sie sah so unschuldig in ihrem weißen etwas durchsichtigem Kleid aus. Ein wahrer Engel. Aber nun bin ich hier und denke an Sex mit Anabell, eine wirklich hübsche Frau, mit dunkel Haaren, sieht spanisch aus, aber spricht perfekt deutsch. Geredet haben wir nicht viel. Darum geht es hier ja auch nicht. Ich weiß nichtmal in welchem Hotel sie wohnt dachte ich- da merkte ich, wie Ihre Hand an meinem Oberschenkel immer weiter in Richtung Lende wanderte. Okay, das wars:"komm" Es geht nicht. Sexuell war sie genau mein Fall, Veronique und das Date morgen früh kann ich wohl vergessen, aber das hier wird es Wert sein, ihr spüre förmlich die Leidenschaft die von dieser Frau aus geht...
Etwas später gehen wir am Strand entlang, es waren kaum noch Leute unterwegs, wir waren alleine. Plötzlich blieb sie stehen und setzte sich auf eine Mauer. Jetzt waren unsere Köpfe in einer Höhe. Wir küssten uns, streichelten uns . Ihr flatternder Rock rutschte immer weiter nach oben. Verdammt. Was mache ich hier eigentlich? So kenne ich mich gar nicht.

4.Plötzlich kann nicht wieder nicht mehr! Ihre Haut glänzt im Licht der bunten Spots. Mit einem Mal ekelt es mich an. Sie redet weiter auf mich ein, doch ihre Worte verschwimmen mit der Musik in meinem Kopf zu einem audiellen Brei, den ich nicht zu entziffern vermag. Meine Hände schieben sie von mir weg. Will raus, muss das alles hinter mir lassen. Warum ist das alles so schwer, so mühsam? Ich übergebe ich mich.

5.Das ist die Realität im einer Sonne aus Stahl - mein Kopf. Liebe hab ich an der letzten Gardine hängen lassen als aus dem Balkon gesprungen bin. Bin auf den Füssen gelandet. Was für ein erhabenes Gefühl an der Spitze der Evolution.
Jetzt kommt Sie wieder näher und umschließt mich mit ihren so hübschen Fesseln. Mein Augenarzt hatte recht: die Farben gehen... sie verblassen. Ich kenne das. Die langen Nächte, die Hummeln in den Eingeweiden bis alles schemenhafte Maskerade ist. Herzklopfen tönt alles noch einmal in meine blutrote Morgensonne. Ich bin noch da. Sie auch. Alles ist schwarz, meine Ganken in Ihrer Gegenwart weiss. Was bleibt ist meine Transpararenz - war es jemals anders?

6.Es bleibt, wie es ist. Zum Abend lade ich mir ein paar Freunde ein. Es gibt Vodka-Bull mit Eis für die Jungs. Vielleicht auch Bier oder Wein für mich. Ich trinke keinen Schnaps mehr. Nicht nach den letzten Eskapaden mit meinem
Chef. Im Büro bin ich noch immer derjenige welcher die Kamera mit seinen Jungesellenabschieds-Fotos versemmelt hat. Es sollen Freunde kommen, die nicht enttäuscht sind. Nicht irgendwelche, es sollen schon die alten Schulfreunde sein. Keine von der Grundschule, keine Entschuldigung für verpasste Klassentreffen. Meine Freunde aus dem Gymnasium. Jene, welche ich
nach dem Abi hinter mir gelassen, aber nicht vergessen habe. Jetzt lade ich sie in meine Dachgeschosswohnung ein, um Verlorenes nachzuholen und Altes aufzufrischen. Wer es hören will, dem werde ich gern erklären, warum
Studieren nie die Lösung war.

7.Die Lösung für was überhaupt? War den einer von uns zu Beginn des Studiums überhaupt auf der Suche nach irgendwas? Die Suche nach Lösungen fing doch erst mit dem Studium an...
Keine gute Idee, ich werde niemandem mit desillusionierten Tiraden über das Bildungssystem im Allgemeinen und meiner Erfahrung im Besonderen den Abend versüßen. Es geht heute um andere Dinge. Ein Gemeinschaftsgefühl wie früher zu empfinden, der guten Zeiten gedenken und neue Erinnerungen zu schaffen. Ob das überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Die Schulzeit macht die Schüler zu einer Schicksalsgemeinschaft, man leidet unter den selben Tyrannen, schlägt die gleichen Schlachten, selbstverständlich verbringt man die freien Stunden miteinander. Wenn meine Streitgenossen damals wirklich mehr als Pargmatismus und guter Wille waren, warum habe ich dann seit Jahren zu fast allen keinen Kontakt mehr?
Nein das ist auch nicht der richtige Einstieg für die geplante Wiedervereinigung. Ich bin wohl einfach nervös, versuche mir die Dinge im Vorfeld so schlecht zu machen, dass eine Enttäuschung im Nachhinein praktisch unmöglich ist. Tolle Strategie. Es wird lustig, entspannt, heiter und alle werden ihren Spaß haben, sobald ich mich mal entspanne. Und es sind nur noch 45 Minuten bis die Ersten eintreffen werden. Weg die Entspannung, aufräumen.

8.Zeit. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit.
War das ein weißes Kaninchen, das eben über den Flur gehüpft ist? Nein, es waren die neuen Sneakers des ältesten Freundes. „Die Tür war offen.", sagen die Schuhe. Noch völlig unverschrammelt und grell leuchten sie mir entgegen. Ich kann den Blick kaum nach oben richten. In sein Gesicht. Sein erwartungsfrohes Grinsen macht mich krank. Sei nett, er ist einsam. Aber er kotzt mich an mit seiner Unfähigkeit, im nüchternen Zustand soziale Verbindungen einzugehen. Er hat doch Niemanden. Doch, die Horde derer, die so sind wie er. Lallen, Tatschen, Verbalausfälle gegen Mitternacht. Wirf ihm einfach ein politisches Thema hin, dann hat sich das erledigt.
„Kubakrise."
Danke.
Wer hat an der Uhr gedreht? Es ist zwei, es ist voll. Es ist heiß. Der Boden bebt im Takt der Musik. Jemand hat „opportunistische Kopulatoren" an die Toilettentür geschrieben. Ein angenehmes Fiepen beginnt sich, in meinen Ohrmuscheln einzunisten. Durch den Flur bahne ich mir einen Weg durch die schwitzenden Körper. Raum 1, Raum 2, Raum 3, wo ist der Zonk? Die Serie, die du dein Leben nennst, hat gerade anfangen, nicht mehr so scheiß-vorhersehbar zu sein wie die tägliche Telenovela. Plötzlich stehen sie wieder vor mir, die weißen Turnschuhe.

9.Ok, leider habe ich es am Freitag nicht geschafft. Tut mir leid, aber ich bin gleich nach der Arbeit schlafen gegangen.
Ich glaube aus der Geschichte lässt sich noch einiges machen. Ich hoffe, dass das was ich in meinem Kopf habe, nicht dem widerspricht, was in deinem Kopf passiert..! Und hier geht es los:


10.Seine Stimme geht in der Menge unter. Ich verstehe seine Gestik nicht und möchte mich an ihn vorbeischieben, als er seine Hand auf meine Brust setzt. Sanft und doch mit genügend Nachdruck, um mir verständlich zu machen, dass er mich notfalls mit ganzer Kraft zurückhalten wird, wenn ich versuche weiterzugehen. Sein Gesicht verdüstert sich und ich setze an seine Hand zur Seite zu schieben, als das Schreien beginnt. Hinter mir verwandelt sich die tanzende Menge in eine sich überschlagende Masse. Die Musik verstummt und nur das Schreien der Männer und Frauen erfüllt den den Raum.
Ich habe keine Angst.
Ich schließe die Augen.
Ich höre wie die Schreie leiser werden und nach und nach verstummen.

Als ich meine Augen öffne, liege ich unter einem schwarzen Himmel. Ich sehe keine Sterne und ich höre nichts als ein Rauschen des Meeres. Das Wasser plätschert gegen meine Knöchel und ich merke nach kurzer Zeit, wie es langsam an meinem Körper empor wandert, beinahe so, als ob es mich verschlingen möchte. Ich kann mich nicht bewegen und als meine Handgelenke gepackt und ich über den Sand gezogen werde, fällt mein Kopf nach hinten. Eine verschwommene Gestalt zieht mich weg vom Wasser.

11.Ein metallischer Geschmack kriecht über meine Zunge. Ich versuche zu sprechen, doch meiner Kehle entrinnt nur ein trockenes Krächzen. Mein Kopf stößt schmerzhaft gegen etwas Scharfkantiges und bringt mich dazu, das Kinn auf die Brust zu legen. Ich stöhne auf und die Gestalt über mir zischt zwischen den Zähnen einen leisen Fluch hervor. Die Dunkelheit weicht Stück für Stück zurück während ein schwachrotes Schimmern sich über meine Schultern abwärts an meinem Körper entlang tastet. Der Kopf – jetzt nur noch ein schmerzendes Scharnier ohne auch nur einen zusammenhängenden Gedanken – ich lege ihn unter größter Anstrengung wieder in den Nacken. Die Pupillen versuchen ein Bild zusammenzusetzen. Die Gestalt, groß, im Gegenlicht, muskulös, halblange Haare, strähnig. Der Mund scheint zu lächeln. Nein. Nur in meiner verkehrten Welt lächelt er. Mit einem letzten Ruck zieht er mich eine sanfte Bodenwelle hinauf und lässt meine Arme in den Sand fallen. Prüfend schweift sein Blick über den Strand – das rote Schimmern erhellt irgendwo weit hinter ihm Teile seiner Silhouette. Ich will etwas Sinnvolles sagen doch tropfen aus meinem Mund nur unartikulierte Verbalfetzen. Die Gestalt beugt sich langsam zu mir herunter: „SchSchSch...." . Kalte Augen treffen die meinen und das erste, was ich fühle seitdem ich die Augen an diesem Strand aufschlug ist ein unkontrolliertes Kirbbeln, intensiver als alles, was ich bisher gespürt habe. Er öffnet den Mund und stößt in einem seltsam melodischen Singsang hervor:
„So let´s see who this fucking bitch is...."